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Savoir Vivre

Kritische Perspektiven auf Selbstoptimierung und Lustfeindlichkeit

„Der Fluch der frühen Rente“ – unter diesem bezeichnenden Titel veröffentlichte „Die Zeit“ zwei Artikel, die sich mit den Ängsten deutscher Beamter in piefigen Behörden und Büro-Angestellter langweiliger Mittelstandsunternehmen vor dem Austritt aus der Lohnarbeit beschäftigen. So fürchtet auch Sven Vahl, sein Lebensabend könnte ohne Arbeit sinnentleert werden: „Herr Vahl glaubt, dass es schön sein wird, nach all den Jahren nicht mehr zu arbeiten. […] Endlich kein Termindruck mehr, kein Stress.“ Doch Herr Vahls Leistungsfetisch macht ihm einen Strich durch die Rechnung: „Rentner, dachte er, wie sich das schon anhört. Herr Vahl fand: Das Wort passt nicht zu einem wie ihm, der jede Woche dreimal ins Fitnessstudio geht, der bei der Teambildungsmaßnahme als Erster den Kletterparcours gemeistert hat“.1 Das Beispiel illustriert eine absurde Angst der Leute, die jahrelang auf die wohlverdienten Früchte ihrer Arbeit warteten: die Rente. Doch dies passt gut in eine Gesellschaft, in der selbstaufopfernde Arbeitsmoral und Bedürfnisunterdrückung immanenter Bestandteil der kapitalistischen Tristesse sind.

Nicht nur Herr Vahl legt Wert auf seine regelmäßige körperliche Ertüchtigung: ein Heer von vereinzelten Subjekten erliegt ebenso ihrem selbstverordneten Körperkult. Das Fitnessstudio wird zum Zufluchtsort halbstarker Jungmännerhorden und zugleich zur Kulisse eines wahnhaften Körperkults, der eigene Bedürfnisse nach Genuss zugunsten der Stählung des Körpers hintenanstellt, als auch eines Gesundheitswahns, bei dem es sachlich um die Reproduktion des Arbeitskraftbehälters geht, ideologisch aber um ein erfüllteres Leben, das durch Sport und Gesundheit erreicht werde. Egal ob Krankenkasse, Arbeit- und Gesetzgeber oder die Volksgemeinschaft – alle legen einem nahe, die Freizeit mit täglichem Joggen, dem gesunden Smoothie oder dem Verzicht auf die Sportzigarette zu optimieren.
Das eigene Leben soll nicht nur materiell zum Glück gezwungen werden, sondern auch ideell. Die positive Psychologie macht das individuelle Glück zur Einstellungssache: „Wenn sie ihre Arbeit […] als Berufung sehen, dann heißt es weiter so!“ konstatiert Martin Seligman in seinem Buch „Der Glücksfaktor“.2 Arbeit wird somit als Selbstzweck gesehen, als persönliches Glücksversprechen und Leidenschaft, um seinen Teil für die Gemeinschaft zu erbringen. Die Begeisterung, durch die sich das Individuum mit seiner Rolle als Arbeitskraft identisch machen soll, entspringt dem Common Sense, man müsse nur richtig Wollen und sich anstrengen, um in der Arbeit sein Glück zu finden. Dass sich jene zur Lohnarbeit Berufenen allen Ernstes Trostspendung und Heil in der positiven Psychologie erhoffen, ist aber nichts anderes als der Verrat am Glück.
Andere, die sich nicht gänzlich mit ihrer Rolle innerhalb der Lohnarbeit identifizieren, suchen ihr Glück jenseits des Arbeitstrotts, in der Flucht in Drogen, Rausch und exzessives Feiern, nur um in der darauffolgenden Woche im Büro wieder fleißig die Exceltabellen auszufüllen. Die Drogen haben hierbei die gesellschaftliche Funktion einer ausgeglichenen Work-Life-Balance, um diejenigen, die kurz davor sind durchzudrehen, zu befrieden. In einem falsch verstandenen Hedonismus wird diese Flucht als non-konformistischer Protest verkauft. Der Exzess am durchfeierten Wochenende wird zum Widerstand idealisiert, weicht aber dem Realitätsprinzip, wenn sich spätestens montagmorgens wieder versichert wird, nochmal ordentlich Kraft für die Arbeitswoche getankt zu haben.
Wieder andere versuchen sich durch eben jenen Konsum zu optimieren. Sie flexibilisieren und funktionalisieren den Rausch, um in der Klausur, der Arbeit im Büro oder im Schichtbetrieb ihrem selbstverordneten Arbeitsethos gerecht zu werden.
Selbstoptimierung stellt sich somit als ständige Verbesserung und Wiederherstellung von Körper und Geist dar. Diese sind darauf ausgerichtet, das Individuum im Konkurrenzkampf wettbewerbsfähiger zu machen. Dabei kann sich das angestrebte Ideal historisch und individuell verändern, das inhärente Ziel bleibt aber die Reproduktion, die sich darin zeigt, Genussbedürfnisse zurückzustellen oder diesen mit Lustfeindlichkeit zu begegnen. Die Freizeit als eigentlich gedachter Fluchtort vor der Arbeitstristesse verkommt so zur Farce, sie ordnet sich als regenerative Phase dem Arbeitsleben gänzlich unter. Adorno fasst die Paradoxie zusammen: „Freizeit tendiere zum Gegenteil ihres eigenen Begriffs, werde zu dessen Parodie. In ihr verlängert sich Unfreiheit, den meisten der unfreien Menschen so unbewußt wie ihre Unfreiheit selbst.“3
Der Wettbewerbscharakter zeigt nicht nur zufällig Gemeinsamkeiten mit der kapitalistischen Warenproduktion, sondern ist Ausdruck des Wertverhältnisses, welches sich in den Köpfen der selbstmaßregelnden Subjekte wiederspiegelt. So wie sich auch der Wert permanent verwerten muss, findet auch das rastlose Selbstoptimieren keine Ruhe. Eben dieses resultiert aus dem Kapitalverhältnis, welches nicht auf Bedürfnisse, sondern einzig und allein auf Profit ausgerichtet ist. Auch wenn der Aspekt der Optimierung keine Notwendigkeit innerhalb der Kapitalakkumulation darstellt, so kommt er doch dem reibungslosen Ablauf dieser entgegen. Durch die Reproduktion des Kapitalverhältnisses reproduzieren die lohnabhängigen Einzelnen aber nicht nur ihr objektives Elend, sondern auch ihre Affirmation des gegenwärtigen Zustands. Diese Form der Entfremdung sorgt für „notwendiges und zugleich falsches Bewusstsein.“4 Der alltägliche Wahnsinn der Selbstoptimierung reiht sich somit perfekt in die permanente Selbsttäuschung im kapitalistischen Normalvollzug ein.

Das daraus resultierende diffuse Unbehagen kommt auch kollektivistischen Ideologien, wie dem Nationalismus, Islamismus oder auch dem Sozialismus entgegen. Diese Ideologien ordnen das Individuum der Gemeinschaft unter und versprechen das größtmögliche Heil für die Eigengruppe. Im Kontext der Selbstoptimierung drängt es den autoritären Charakter so zur Selbstaufgabe. Sein Arbeitsethos und die Gesundung des Volkskörpers begreift er als Wohl für die Volksgemeinschaft. Diese Gewichtung zwischen Kollektiv und Individuum fordert eine permanente Triebentsagung und eine Unterdrückung von Genuss und Bedürfnissen. Als psychischer Abwehrmechanismus bietet sich dem Subjekt so die pathische Projektion an. Unterdrückte und als negativ deklarierte Triebe, Bedürfnisse und Genussmöglichkeiten werden abgespalten und einer Fremdgruppe zugeschrieben. Der fettleibige Ami, der schmarotzende Arbeitslose oder der dekadente Jude – an ihnen wird das verfolgt, was zurückgestellt wurde und als Kollektiv bekämpft werden soll. Das Subjekt sehnt sich nach dem, was er in die Fremdgruppe projiziert. Die Stilisierung zur Bedrohung und der Kampf dagegen sind somit als Ausdruck jener Unterdrückung des eigentlich Ersehnten zu verstehen.
Die Folgen dieser ständigen Entsagung finden sich auch in der angewandten Psychologie wieder. Die medikamentöse Behandlung der burnoutbedingten Depression wird nicht als Mittel für die Wiederherstellung des körperlichen und geistigen Wohlbefindens gesehen, sondern als Mittel zum Zweck, zur Wiederherstellung der Ware Arbeitskraft. Psychopharmaka, um das Wohl der deutschen Wirtschaft nicht weiter zu gefährden. Das individuelle Leid wird beziffert in der Zahl der ausfallenden Produktivkräfte. So schwadronierte die Allianz-Versicherung unlängst von Depression als „der Krankheit, die unsere Volkswirtschaft schwächt“, von „weniger produktiven Arbeitern“ und „sinkender Wertschöpfung.“5 Das Kollektiv duldet eben nur das Funktionieren und das stetige Optimieren der eigenen Leistung und Kompetenz. Wie tief dies in der Gesellschaft verankert ist, zeigt der Maßstab der Diagnostik: Wer nicht arbeitet, kann nicht gesund sein.

Auf individueller Ebene sollte die Konsequenz sein, sich ab und an zugunsten des eigenen Glücks zu verweigern. Wir rufen also auf zu Genuss und Nonchalance. Der Einschränkung durch Sport, Gesundheit und dem Anspruch, alles richtig zu machen, sollte sich entgegengestellt werden. Dabei sollten die dafür verantwortlichen objektiven Zwangsverhältnisse zum Gegenstand der Kritik werden.

Während sich Gerhard Hanloser in seiner Kritik an antideutscher Agitation noch verzweifelt abmühte, witzig zu sein, können wir sein Motto aufnehmen und affirmativ wenden: Seid […] konsumistisch, seid individualistisch, so dass ihr euch nicht zum Volksgenossen eignet!6

  1. Nadine Ahr (2015): Herr Vahl hört auf. In: Die Zeit Nr. 31/2015 [zurück]
  2. Martin Seligman (2011): Der Glücksfaktor. Warum Optimisten länger leben. [zurück]
  3. Theodor W. Adorno (1998): Stichworte. Kritische Modelle 2. [zurück]
  4. Theodor W. Adorno (1996): Soziologische Schriften I [zurück]
  5. Allianz Deutschland AG (2011): Depression. Wie die Krankheit unsere Seele belastet. [zurück]
  6. Das Zitat stammt ursprünglich von Gerhard Hanloser und wurde von uns gekürzt (Gerhard Hanloser (Hrsg.): „Sie waren die Antideutschesten der deutschen Linken“. Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik. Unrast, Münster 2004) [zurück]

Schall & Wahn – Aufruf

Ab sofort ist der Bündnis-Blog online und es findet sich der Aufruf zum diesjährigen al-Quds-Tag im Netz unter: http://schallundwahn.blogsport.eu/

„Der Feind meines Feindes ist mein Freund“

Am 10. Juli werden sich in Berlin mehr als Tausend – vorrangig islamistische – AntisemitInnen versammeln, um für die Vernichtung Israels zu demonstrieren. Wir rufen dazu auf, sich an der Gegenkundgebung des Berliner Bündnisses gegen den al-Quds-Tag zu beteiligen.

Der al-Quds-Tag – arabisch f. „Jerusalem-Tag“ – bezeichnet einen der größten antisemitischen Massen-Aufmärsche in Deutschland und weltweit. Jerusalem nimmt in der iranischen Staatsdoktrin eine zentrale Stellung ein. Die proklamierte ‚Befreiung‘ Jerusalems steht zum einen sinnbildlich für die angestrebte Auslöschung des jüdischen Staates. Der Bezug auf Jerusalem und die Etablierung des al-Quds-Tages soll zum anderen der Mobilisierung der muslimischen Massen über innerreligiöse Grenzen hinweg gegen ein gemeinsames Feindbild – Israel und USA – dienen. So wird an diesem Tag seit seiner Ausrufung durch den religiösen Führer Ayatollah Khomeini nach der islamistischen Revolution 1979 ein einheitliches muslimisches Kollektiv als Leidensgemeinschaft und Gemeinschaft der Unterdrückten beschworen.

Khomeinis Anspruch, den alQuds-Tag als sogenannten „Revolutionsexport“ in die gesamte Welt zu tragen, um der islamistischen Utopie einer „Weltgemeinschaft der Muslime“ (Umma) näher zu kommen, wurde mit der Etablierung des Aufmarschs u.a. in den USA, Großbritannien und Deutschland zwar vorangetrieben, glücklicherweise jedoch nie dem Anspruch nach erreicht. Dennoch ist dieser Massenaufmarsch, an dem sich seit 36 Jahren weltweit Millionen Personen beteiligen, als globales Phänomen zu verstehen und bleibt nicht auf Iran beschränkt. So marschieren mittlerweile jährlich mehrere tausend Menschen auch in Berlin für die Vernichtung des jüdischen Staates. Anmelder und Hauptorganisator des antisemitischen Massenevents in Deutschland, zu dem bis zu 2500 Teilnehmende erscheinen, ist der Berliner Jürgen Grassmann, Mitglied der Hisbollah-nahen „Quds-AG“ und Vertreter von Occupy sowie diverser NWO Verschwörungstheorien. In seiner Rede zum AlQuds Tag 2013 weist dieser, den antisemitischen Topos der Trennung von Antizionismus und Antisemitismus aufgreifend, einerseits darauf hin, dass bei der Demonstration „auf gar keinen Fall antisemitische Rufe“ geduldet würden und beschwört im selben Moment vor „Boycott Israel“ Plakaten, dass „alle Medien nicht frei sind von der Diktatur des Zionismus“. Unterstützt wird er von den Delmenhorster Brüdern Gürhan und Yavuz Ozuguz, beide Betreiber islamistischer Onlineversände wie ‚Muslim-Markt‘ sowie dem islamistisch ausgerichteten „Islamischen Zentrum Hamburg“ (IZH), das als direktes Bindeglied zum iranischen Regimes fungiert und dessen antiwestliche und antisemitische Propaganda in Deutschland verbreitet. Der antisemitische Massenaufmarsch am al-Quds-Tag ist vor allem wegen seines integrativen Charakters für die antisemitische Ideologie von so großer Bedeutung. So finden sich jährlich am letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan die verschiedensten antisemitischen Fraktionen ein, u.a. Hisbollah-Fans, Verschwörungstheoretiker_innen und Neonazis, um gemeinsam die Vernichtung Israels zu fordern.

Ähnliche Forderungen werden nicht selten auch von antiimperialistischen Linken und selbsternannten „Friedensfreunden“ der Montagsmahnwachen, wie dem Compact-Redakteur Jürgen Elsässer vorgebracht. Das Nebeneinander solch verschieden scheinender Gruppierungen mag zunächst wiedersprüchlich wirken, doch der verbindende Kitt aller Akteure ist ihr eliminatorischer Antizionismus, der nur einen Schuldigen als gemeinsames Feindbild für die wahrgenommene Misére des Kapitalismus kennt – den jüdischen Staat und seine Unterstützer_innen. So fungiert der al Quds-Tag nicht nur als Instrument zur Verbreitung einer schiitischen, islamistischen Ideologie, sondern eben auch als Integrationsmittel zur Vereinigung der unterschiedlichsten politischen Strömungen, durch den Fokus auf einen antizionistischen „Befreiungskampf“ und ihren antisemitischen Wahn. Aus diesen Gründen muss der Aufmarsch der Unterstützenden einer Terrororganisation wie der Hisbollah bzw. des totalitären Regimes Iran verunmöglicht werden!

Der Islamismus

Der Begriff des Islamismus findet in den gegenwärtigen öffentlichen Debatten einen immer diffuseren und zugleich inflationären Gebrauch, weshalb wir eine Definition für notwendig halten, um die aus einem antifaschistischen Selbstverständnis sich ergebende Zwangsläufigkeit darzulegen dieser menschenverachtenden Ideologie entgegenzutreten.Islamismus bezeichnet eine Reihe verschiedener ‘revolutionär’-reaktionärer Bewegungen und deren Krisenbewältigungsideologien, mit denen die Moderne, fortschreitender Kapitalismus und der damit einhergehende gesellschaftliche, politische und ökonomische Wandel aufgehalten werden sollen. Diese politischen Bewegungen sind keine geschichtsunabhängige Schattenseite des Islams, sondern genuin modern.1

In widersprüchlicher Dichotomie ist die Propaganda des Islamismus als Reaktion auf die Modernisierung und äußerliche Vergesellschaftung des arabischen Raumes zu deuten; der Antimodernismus als Reaktion darauf ist bedingt durch die Vorstellung sich zwar einige Aspekte der Modernität – moderne Technik etwa – aneignen zu können ohne eine kulturelle Veränderung zuzulassen und weiterhin im theozentrischen Weltbild zu verharren. Die mit Moderinisierungsprozessen einhergehenden kulturellen Veränderungen – etwa die Liberalisierung der Sexualmoral, zunehmender Individualismus, Säkularisierung, die Auflösung traditioneller sozialer Ordnungen – werden als krisenhaft und bedrohlich empfunden und mittels eines manichäischen Denkens2 verarbeitet. Diesem ist zu eigen, dass es weder strukturelle noch innergesellschaftliche Ursachen für Krisenerscheinungen kennt. Vermittels eines Freund-Feind- Schemas werden die als bedrohlich empfundenen Aspekte der Moderne auf einen äußeren Feind projiziert, der als Zersetzer des als authentisch und organisch-gewachsen imaginierten eigenen Kollektivs gebrandmarkt und abgewehrt wird. Gegen diese als wesensfremd betrachteten Einflüsse wird eine islamische Identität veranschlagt, die durch ‚Reinigung‘ von diesen Einflüssen wiederhergestellt werden soll. Im islamistischen Denken sind es wahlweise der Westen, die USA, Israel / die Juden oder als vom Westen korrumpierte ‚Ungläubige‘ der eigenen Gesellschaften, in denen der Hass auf die moderne Gesellschaft kulminiert: Antimodernismus äußert sich im Islamismus vor allem antiwestlich. Dass die Moderne mit dem Westen bebildert wurde, hat seine historischen Wurzeln im Kolonialismus. Der Westen als Chiffre für Modernisierung liefert über islamistische Kreise hinaus ein Erklärungsmodell für die Begleiterscheinungen der kapitalistischen Moderne, die auf einen antagonistischen Dualismus zwischen dem Westen und der beschworenen Gemeinschaft heruntergebrochen werden.

In Anbetracht der Staatsgründung Israels, das damit zum Repräsentanten westlichen Lebens inunmittelbarer Nähe wurde, der unvorhergesehenen und als entwürdigend empfundenen Niederlage im 6-Tage-Krieg und der zunehmend internen Konflikthaftigkeit der islamistischen Strömungen spitzte sich diese antiwestliche Haltung zunehmend antisemitisch zu. Auch wenn große Teile der Bilder und Semantik sich dabei am aus artikulierteren Fundus des westlichen Antisemitismus bedienten, ist die Rede von einem reinen Ideologieimport zu kurz gedacht: Ein Antijudaismus existierte, wenn auch weniger gewaltförmig als in Europa, auch im osmanischen Reich. Und, viel bedeutender, die Ähnlichkeiten islamistischer Gesellschaftsvorstellungen und dem was als Nationalsozialismus Hauptexporteur des Antisemitismus wurde, beginnen nicht erst bei diesem: Beide streben eine Form von Gemeinschaft an, in der Staat und Gesellschaft identisch sind, begreifen sich als ‚Betrogene der Moderne‘ und identifizieren davon ausgehend ‚die Juden‘ nicht nur als Quell des eigenen, sondern des weltweiten Übels.Solange diese weiterhin existieren, sei ein gemeinschaftlich-friedliches Leben nirgendwo auf der Erde möglich.

Die von Islamisten angestrebte Gemeinschaft ist transnational-muslimisch, wobei selbstredend nicht über die blutige Konkurrenz innerhalb des Islamismus um die Umsetzung dieses globalen Anspruches hinweggesehen werden darf. Während der sunnitische Islam sich rückwärtsgewandt im Sinne des Salafismus auf ein vergangenes ‚Goldenes Zeitalter‘ beruft, leugnet die schiitische Glaubensströmung, das ein solches jemals existierte und blickt messianistisch der Ankunft des Imam al-Mahdi entgegen. Neben der fundamentalen Opposition der beiden Strömungen finden sich auch innerhalb dieser weitere Konfliktherde: So erklärten erst kürzlich die sunnitischen Taliban die ebenfalls sunnitischen Anhänger des IS zu ihren Gegnern, die ihrerseits bereits im Kampf mit der saudischen Krone um den Anspruch der wahren salafyyia stehen. Zentral dabei ist der inzwischen zwar wohl bekannte aber ähnlich zerfaserte Begriff des Djihad, der für alle genannten Bewegungen schlußendlich nichts anderes als die Umsetzung der islamistischen Utopie mit terroristischen Mitteln bezeichnet. Was dies in der Praxis heißt, lässt sich an den Gräueltaten des IS ablesen, sollte allerdings nicht vom staatlich institutionalisierten Islamismus des Iran ablenken: Letztlich geht es beiden um die Etablierung, bzw. Aufrechterhaltung und Expansion eines autoritären Zwangskollektivs, das einen totalen Zugriff auf das Individuum ausübt. So lässt auch das iranische Regime Homosexuelle hängen und steinigt Frauen, die dem ihnen aufgezwungenen Rollenbild nicht entsprechen. Mittels eines religiösen Diskurses von der göttlichen Ordnung der Geschlechter wird eine alle Teile der Gesellschaft durchziehende Geschlechtertrennung stabilisiert und Frauen auf einen unterlegenen Status degradiert. So werden Frauen im Iran verurteilt, wenn sie sich gegen ihren gewalttätigen Ehemann wehren. Islamist_innen geht es somit immer auch um die Sicherung patriarchaler Herrschaft.

Sich klar gegen Islamismus zu positionieren muss daher Aufgabe einer jeden emanzipatorisch denkenden Person sein. Das Engagement gegen den al-Quds Tag, als internationaler Exportschlager des Iran kann nur ein Teil davon sein.

Die Islamische Republik auf der Weltbühne

Außenpolitisch konnte der Iran in letzter Zeit einige erschreckende Etappensiege verbuchen: Von einer Politik der politischen und wirtschaftlichen Sanktionen – welche beispielsweise von deutschen Unternehmen schon damals unterlaufen wurden – ist die westliche Politik nun dazu übergegangen, den Iran diplomatisch per Appeasement politisch in ein weltweites Vertragssystem einzubinden.

Dass es weiten Teilen des Westens eigentlich nie wirklich um den Kampf gegen Islamismus ging, wird daran deutlich, dass man den islamistischen Terror des IS nun im Bündnis mit dem islamistischem Iran zu bekämpfen versucht. Und es zeigt sich daran, dass nicht das Bündnis mit freiheitlichen Kräften gesucht wurde, sondern stattdessen Regimes wie Saudi-Arabien hofiert werden – und seit neuestem dem iranische Regime entgegengekommen wird, weil man es als Stabilitätswahrer in der Region schätzt. Der Legitimierung dieser Politik dient auch die vollkommen realitätsferne Zeichnung des seit 2013 amtierenden Präsidenten Rohani als „moderat“ und Träger eines „Politikwechsels“.
Dass die iranische Führung keinen Zentimeter von ihrem antiwestlichen Ressentiment gegenüber den USA und Israel abgewichen ist und dass die iranische Bevölkerung unter Rohani den staatlichen Terror noch stärker zu spüren bekommt, straft diese Rede allerdings Lügen. So sind zwischen Rohanis Amtsantritt im Juli 2013 und Juni 2014 852 Menschen hingerichtet worden, was einen deutlichen Anstieg zum Zeitraum davor ausmacht.

Die vorgebliche Gewaltenteilung, welche die Teilung von Legislative, Exekutive und Judikative im iranischen Regime bezeichnen soll, ist bloßer Schein. Im Iran gilt das Führerprinzip, denn an der Spitze des Regimes steht der Vertreter Gottes: der herrschende Revolutionsführer Ali Chamene’i. Dieser leugnet seit Jahren den Holocaust, bezeichnet Israel als Krebsgeschwür der Region und hat vor einiger Zeit erst einen 9-Punkte-Plan zur Vernichtung des jüdischen Staates auf Twitter gepostet. Der Verfassung gemäß obliegt ihm die Entscheidungsgewalt über die Streitkräfte, er wählt und ernennt die Mitglieder des Wächterrates, den obersten Richter und den Direktor des Medienrates. Er hat die Befugnis den Generalstabschef, das Oberkommando der islamischen Revolutionswächter und den Oberkommandierenden der Polizei und der Armee zu berufen bzw. abzusetzen. Außerdem unterzeichnet er die Ernennung des Präsidenten seiner Wahl oder enthebt diesen seines Amtes. Faktisch besitzt er als geistlicher Führer somit das absolute Machtmonopol und steht über Legislative, Exekutive und Judikative.

Die Macht des Revolutionsführers wird zusätzlich durch die despotischen Institutionen des Wächterrates, des Expertenrates und dem Rat der Erkenntnis der Staatsinteressen zementiert. Lenkt man nun zuletzt den Blick auf die Wahlbefugnisse der einzelnen Institutionen, fällt die diktatorische Verfasstheit des Irans vollends ins Auge. Denn der Wächterrat wählt den Expertenrat und dieser ist für die Wahl des geistlichen Führers zuständig. Der geistige Führer wiederum ernennt den Wächterrat, welcher zusätzlich das Majless, das angebliche Parlament, kontrolliert. Somit entsteht ein unhintergehbarer Zirkel der Macht.

Diesem Regime ermöglicht die veränderte westliche Politik nun eine starke Verhandlungsposition auf dem internationalen Parkett und außerdem einen Ausbau seines Einflusses in der Region. Traditionell unterstützt der Iran hier militärisch agierende antisemitische und islamistische Gruppierungen. Mögen die Beziehungen in letzter Zeit auch abgekühlt sein – am Beispiel der iranischen Unterstützung der sunnitischen Hamas zeigt sich, wie zugunsten des gemeinsamen Feindes Israel und des geteilten Antisemitismus auch über ethnoreligiöse Spaltungen hinaus Bündnisse eingegangen werden. Darüber hinaus wird die vom Libanon aus gegen Israel kämpfende schiitische Hisbollah von jeher durch den Iran finanziell und logistisch unterstützt. Die Hisbollah ist eine libanesische Organisation, dessen Ziele die Errichtung einer islamischen Republik im Libanon nach iranischem Vorbild und die Vernichtung Israels sind. Zu diesen Zwecken bestehen sie aus einer gewählten „Partei”, die auch in der libanesischen Nationalversammlung sitzt und einer Miliz, die die Hegemonie im Süden Libanons inne hat. Die Hisbollah ist eine der bedeutendsten islamistischen Organisationen im Nahen Osten und ist trotz ihrer schiitischen Ausrichtung in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert.

Die neuere westliche Politik kommt dem Iran allerdings auch in Bezug auf dessen für Israel bedrohliches Atomprogramm entgegen. Sollte auf der Grundlage der Verhandlungen des Irans mit den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates und Deutschlands im Frühjahr 2015 ein Abkommen geschlossen werden, dann wäre der Iran weder gezwungen, etwas an der Infrastruktur seines Atomprogramms zu ändern, noch an seinem Raketenprogramm. Die iranische Beteuerung, die Atomkraft nur zivil zu nutzen, darf allerdings keinesfalls täuschen – der Iran will Atomwaffen und wird nicht zögern, sie einzusetzen. Angesichts der seit 1979 stets wiederholten Vernichtungsgebärden gegen Israel sind die Ergebnisse der neuesten internationalen Verhandlungen für den jüdischen Staat mehr als bedrohlich.

Warum Israel?

Diese Frage zu beantworten müsste gerade in Zeiten akuter und massenhafter antisemitischer Übergriffe wie im Sommer 2014 besonders leicht fallen. Festhalten lässt sich, dass erst die Ausrufung Israels als jüdischer Staat eines auf Dauer verändern konnte: Die jahrtausendealte Degradierung der Juden zum hilflosen Objekt der Verfolgung. Nicht dass Antisemitismus in der Folge verschwunden wäre, aber seit 1948 können sich Jüdinnen und Juden zum ersten mal den ihnen entgegen geworfenen Vernichtungsantisemitismus mit Armee, Waffen und Staat entgegenstellen und dies zum Unmut ihrer Feinde nicht ohne Erfolg. Die Obsession der Welt mit Israel ist seit dem an Absurdität nicht zu überbieten. So verurteile die UN Frauenrechtskommission 2015 in der gemeinsam beschlossenen Resolution zur 59. Jahressitzung einzig Israel für die Verletzung von Frauenrechten, was in Anbetracht der Situation von Frauen etwa im Iran oder Saudi-Arabien wie ein schlechter Witz klingt. Kein weiterer Staat ist derart fortgesetzten Boykottkampagnen ausgesetzt und kein anderer Staat war in seiner Geschichte so häufig mit handfesten Vernichtungsbestrebungen konfrontiert wie Israel. Die jüdische Verfasstheit des Staates Israel ist dabei das, was dieses Fleckchen Erde in den Augen so vieler „Israelkritiker_innen“, wie die salonfähigen Antisemit_innen heute heißen, zur größten Gefahr für den Weltfrieden macht. Dass es bei dieser Israelkritik nicht um die Beanstandung humanitärer Missstände geht, sondern vielmehr darum Israel zu dämonisieren, lässt sich am Beispiel der palästinensischen Flüchtlinge in den umliegenden arabischen Staaten zeigen. Das besondere Interesse der Weltöffentlichkeit daran ist angesichts von deutlich schlimmeren Krisenregionen schon eigentümlich genug. Vollends abstrus wird es allerdings, wenn deren mitunter elendige Lebensbedingungen Israel angelastet werden: Sie leben in arabischen Staaten, die ihnen bewusst politische und soziale Teilhabe verweigern, um sie – mit vererbbarem Flüchtlingsstatus – als Manövriermasse gegen Israel zu instrumentalisieren.

Antizionismus nennt sich der Umweg, der versucht den Jüdinnen und Juden das Recht auf Selbstverteidigung zu entziehen, ohne sie dabei wenigstens noch beim Namen zu nennen. Richtet er sich doch „nur“ gegen die jüdische Bestrebung eines eigenen Nationalstaates, die einzige Form in der kapitalistischen Verfasstheit der Welt, die fähig ist, Schutz zu bieten.

Sich dieser Erkenntnis und seiner Ohnmacht bewusst zu sein, heißt sich bedingungslos solidarisch mit Israel zu erklären. Bedingungen zu nennen, verkennt die Alternativlosigkeit in Anbetracht der Vernichtungswünsche der AntisemitInnen. Es bedeutet nichts anderes, als Juden und Jüdinnen erneut der Verfolgung und Schutzlosigkeit ohne eigenen Staat auszusetzen. Die derzeitige massenhafte Flucht europäischer Juden und Jüdinnen vor allem aus Frankreich nach Israel belegt eine einfache Wahrheit heute aufs Neue: Der Zionismus ist berechtigt.
Dies bedeutet nicht humanitäre Missstände zu leugnen oder jeden Aspekt israelischer Regierungspolitik gut zu heißen, sondern dass die existenzielle Bedrohung von Juden und Jüdinnen der wichtigste Aspekt dieser Betrachtung sein muss.

Was macht eigentlich..? Die deutsche Linke

Die Reaktionen auf den Gazakrieg und die ansteigende (Mobilisierungs-)Aktivität von Dschihadist_innen haben gezeigt, dass auch die Linke in Deutschland kaum willens ist, ernst zu nehmen, wie offen der Antisemitismus mittlerweile auftritt, oder darin überhaupt ein Problem zu erkennen.

Antizionistische Linke in Deutschland, so etwa Teile der Linkspartei und ihrer 5Jugendorganisation Linksjugend [‚solid] sowie antiimperialistische Gruppen, beteiligten sich im Sommer 2014 an Demonstrationen, auf denen sie und andere ihren eigenen schlecht als Antizionismus getarnten Antisemitismus zur Schau stellten und neben ihnen islamistische oder neonazistische Gruppen einen völlig unverblümten und aggressiven Antisemitismus präsentierten, der in Rufen wie „Judenschweine!“ oder „Jude, Jude, feiges Schwein, komm 10 heraus und kämpf‘ allein!“ gipfelte.3 All dies zeigt nicht einfach bloß eine Ignoranz dieser Sorte von Linken gegenüber antisemitischen Einstellungen auf, es weist vielmehr auf eine deutliche Schnittmenge mit diesen hin.

So propagierte ein kleiner Teil der Linken anlässlich des Gaza-Krieges einen derartigen Antizionismus oder verband sich auf den Straßen mit denen, die sich nicht die Mühe gaben, ihren Antisemitismus zu kaschieren. Charakteristische Reaktionen auf die islamistischen und antisemitischen Großdemonstrationen waren für den Großteil der radikalen Linken vor allem eines: Nicht-Verhalten und Schweigen. Waren öffentliche Äußerungen schon selten, so beschränkten sich Gegenaktivitäten auf einzelne, kleine Gruppen oder fanden erst gar nicht statt. Das kommt nicht von ungefähr: Der Umstand, dass Muslime in Europa von rassistischer Diskriminierung betroffen sind, führte und führt viele Linke zu der vollkommen falschen Schlussfolgerung, jede Kritik am Islamismus, am Islam als Religion oder an muslimischem Antisemitismus spiele Rechtspopulismus und Rassismus in die Hände. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Unter der Hand wird so den Rechtspopulist_innen eine adäquate Kritik, etwa des Islam, zugesprochen. Dass „Islamkritik“ á la Pegida nicht mehr als „Ausländer raus!“ meint, sollte bei genauem Hinsehen hingegen ersichtlich sein. Wenngleich Teile linker Islamismuskritik – dort etwa wo kein Unterschied zwischen Islam und Islamismus gemacht wird – nicht unproblematisch sind, ist es falsch, auf eine Islamismuskritik zu verzichten. Eine emanzipatorische Kritik des Islamismus ist gerade angesichts aller rassistischen und rechtspopulistischen Pseudokritik unverzichtbarer denn je.
Die Scheu Antisemitismus, wenn er so offen zu Tage tritt wie im Sommer 2014, auch an jenen zu kritisieren, die potenziell Opfer von Rassismus werden, spricht leider Bände über den Zustand linksradikaler Kritik.

Ablesbar ist die linke Bewusstlosigkeit auch an ihren Begriffen, beispielsweise dem der „Islamophobie“, welcher die Essenzialisierung und rassistische Abwertung von Muslimen kennzeichnen soll. Es sollte selbstverständlich sein –muss aber in einem Land, in dem Sarrazins Bücher zu Bestsellern werden durchaus immer wieder betont werden – dass der Stigmatisierung und Abwertung von Personen, die aufgrund optischer Merkmale dem Islam zugeordnet werden, entgegenzutreten ist. Ebenso selbstverständlich sollte es sein, der kulturalistischen Zuschreibung wesenseigener Merkmale eine Absage zu erteilen. Der rassistischen Diskriminierung von Muslim_innen muss sich entgegengestellt werden. Der Begriff Islamophobie ist dafür allerdings ungeeignet, da er suggeriert, das Problem liege in einer Ablehnung des Islam und nicht im Rassismus gegen Muslime. Menschen sind vor Diskriminierung zu schützen, aber Religionen nicht vor Kritik!

Auch war nicht jede –grundsätzlich ja begrüßenswerte – antifaschistische Aktivität gegen den Antisemitismus der Gaza-Demonstrationen dem Anlass angemessen.4 Der Antisemitismus dieser Demonstrationen äußerte sich nicht bloß darin, für das Handeln der israelischen Regierung (etwa ihr Vorgehen gegen die Hamas) alle jüdischen Menschen verantwortlich zu machen und anzugreifen, wie mitunter behauptet wurde. Sein Einsatzpunkt lag um einiges früher: Schon die dämonisierende Verurteilung israelischer Politik hat mit der objektiven Beurteilung irgendeiner Regierungspolitik wenig zu tun, sondern dokumentiert den dahinterliegenden Antisemitismus. Die gewaltvollen Begleiterscheinungen bürgerlicher Staatlichkeit, zu beobachten an jedem modernen Staat, einzig und besonders Israel anzukreiden, offenbart die besonderen –antisemitischen –Maßstäbe einer solchen Beurteilung. Eine adäquate Kritik des antizionistischen Antisemitismus ist die Voraussetzung für eine angemessene Intervention gegen ihn und gegen die sich aus ihm ergebenden Angriffe auf Juden.

Ein ernst gemeinter Antifaschismus hat darüber hinaus insbesondere die ohnmächtige Solidarität mit Israel zur Konsequenz. Auch wenn die Sicherheit Israels dem eigenen Einfluss entzogen ist, gibt es genügend Interventionsmöglichkeiten für einen konsequenten Antifaschismus. Damit tut sich die Linke allerdings schwer: Wenn Juden in großer Zahl aus Europa nach Israel fliehen, es zu antisemitischen Großdemonstrationen kommt und eine radikale Linke dazu schweigt oder sich mit wichtigerem zu beschäftigen weiß, ist davon auszugehen, dass die Linke aus Fehlern ihrer eigenen Geschichte kaum oder gar nicht gelernt hat.

Krisensituationen befördern reaktionäres Bewusstsein verschiedenster Couleur – das gilt es nicht nur zur Kenntnis, sondern theoretisch wie praktisch ernst zu nehmen. Es ist eine Sache, an der Möglichkeit der Veränderung festzuhalten und hierfür linksradikale Kritik an den herrschenden Zuständen zu üben, etwas anderes ist es, sich nur noch mit vermeintlichen oder wirklichen „Aufbrüchen“ zu beschäftigen und die Ausbreitung von reaktionärem und antisemitischem Bewusstsein nicht weiter zu beachten: Die eigene Ohnmacht müsste den antifaschistischen Kampf gegen Islamismus und Antisemitismus in den Bereichen begründen, die noch nicht dem Einfluss einer marginalen radikalen Linken entzogen sind.

Wie ernst es ihr mit dem Kampf gegen Islamismus und Antisemitismus wirklich ist, kann die antifaschistische Linke am 10. Juli 2015 in Berlin unter Beweis stellen: Dort werden Anhänger_innen von Hamas, Hisbollah, dem iranischen Regime und andere antisemitische Protagonisten wie in den Jahren zuvor für die Vernichtung des jüdischen Staates demonstrieren –wer einen konsequenten Antifaschismus verfolgen will, ist aufgerufen, sich dem praktisch entgegenzustellen.

Der Hauptfeind ist das eigene Land!

Antideutsche Demonstration in Torgau am 25. April

Es ist unfassbar: 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Deutschland eine Weltmacht. Die versäumte Umsetzung des Morgenthau-Plans konfrontiert die internationale Weltgemeinschaft in den letzten beiden Jahrzehnten mit einem wiedererstarkten Deutschland, dass aus seinen historischen »Fehlern« gelernt hat. Die militärische Option wurde weitestgehend ad acta gelegt. Stattdessen setzten die deutschen Eliten, im Windschatten des militärischen Schutzes durch die westlichen Alliierten, langfristig auf das »deutsche Wirtschaftswunder«. Das Resultat ist, dass das eigentlich besiegte Land ökonomisch gesehen – ganz im Gegensatz zu Großbritannien oder Frankreich – erstarkt aus der militärischen Niederlage hervorgegangen ist.

Dieses Vorgehensweise, leicht modifiziert, funktioniert noch bis heute. Die neuste deutsche Militärtechnologie findet man eher in den Händen von mexikanischen Sicherheitsbehörden oder arabischen Armeen, als im Depot der deutschen Bundeswehr. Wenn es in der Welt brennt, winkt Berlin gelangweilt ab und schaut erwartungsvoll über den Atlantik, zumindest gen Westen. Ob in Syrien, Irak, Jemen oder Nigeria, gegen die islamistische Barbarei sollen sich bitte andere aktiv engagieren. »Niemals wieder« bedeutet hierzulande trotz und wegen Auschwitz keinen Finger für das verfolgte Individuum krumm zu machen. Selbst dann nicht, wenn es die Tortur in seinem Heimatland sowie die anstrengende Flucht überlebt und bis vor die Haustür der Deutschen geschafft hat.

Der Wiederaufbau und die damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteile, dass so genannte »Nation Building«, sind dagegen Deutschlands absolutes Steckenpferd. Deswegen reüssiert das Land auf der Weltbühne. Im internationalen Kampf um Rohstoffe, Marktanteile und Handelswege will die deutsche Wirtschaft langfristig vorne mitspielen. Das Image als Friedensmacht ist dabei für die Geschäfte nicht unerheblich. In knallharter Konkurrenz zu den USA, verkauften deutschen Firmen Komponenten zur Herstellung von Giftgas an jegliche »Schurkenstaaten«. Etwas Werbung in eigener Sache kann da nicht schaden. So tanzt der sozialdemokratische Wirtschaftsminister bereitwillig nach der Pfeife arabischer Emire und nicht nur in China fällt die Frage nach den grundlegendsten Menschenrechte unter den Verhandlungstisch. Im Kampf um den Exportweltmeistertitel ist dem Subjekt Staatskapital fast jedes Mittel Recht. Auch ein fauler Kompromiss im »Atom-Streit« mit dem Iran.

#stickthefingertogermany

Weder die Reeducation, noch der verordnete Antifaschismus haben nachhaltig etwas in diesem Land bewirkt. Wie rudimentär das Demokratieverständnis der deutschen Bevölkerung ist, offenbart sich immer dann am deutlichsten, wenn in einem anderen Land eine Partei die demokratischen Wahlen gewinnt, dessen politisches Programm den nationalen Interessen, beziehungsweise deutschen Befindlichkeiten, widerstrebt. Das trifft derzeit auf die neue Regierung in Athen zu, ebenso wie jene in Jerusalem. Während im deutschen Blätterwald dann reklamiert, protestiert und randaliert wird, bekunden auf dem diplomatischen Parkett die Deutschen ihre große Besorgnis über die zukünftige Entwicklung. An klugen Ratschlägen und harten Bandagen mangelt es dabei nicht. Nichts desto trotz, sondern gerade weil man zwei Weltkriege angezettelt hat. Vom Holocaust ganz zu Schweigen.

Der Vergangenheitsbewältigungsweltmeister ist derart dreist, dass berechtigte Forderungen nach Entschädigungen und Reparationszahlungen jahrzehntelang negiert und zum Teil bis heute noch nicht geleistet wurden. Die derzeitige Bundesregierung behauptet allen Ernstes, weil bisher noch kein Friedensvertrag unterzeichnet sei, müsse man z.B. die finanziellen Verpflichtungen gegenüber Griechenland nicht leisten. Währenddessen ist Adolf Hitler ein weltweiter Exportschlager, als Marke mindestens genauso bekannt wie Coca-Cola, das Holocaust-Mahnmal in Berlin eine beliebte touristische Vergnügungsstätte und bald eines der beliebtesten Bücher dieses Landes, nein der Welt, wieder legal im Handel erhältlich: »Mein Kampf«.

Das ökonomische Erfolgsmodell Deutschland beruht auf einem autoritären Korporatismus, der u.a. für die notwendige Flexibilität der hierzulande angestellten Arbeitskraftbehälter sorgt. Nullrunden als gemeinschaftlicher Akt zur Rettung von Arbeitsplätzen, dank Überidentifizierung mit der eigenen Firma oder »freiwillige«, unentgeltliche Überstunden, wenn es mal nicht so gut im Betrieb läuft, sind für den deutschen Arbeiter selbstverständlich. Kleinere Gewerkschaften müssen hierzulande um ihre Existenz bangen, weil sie es gewagt hatten, ihr verbrieftes Recht auf einen legalen Arbeitskampf in Anspruch zu nehmen und den deutschen Volkszorn zu oft hervorriefen. Nicht zu vergessen, der rundum erneuerte Reichsarbeitsdienst, besser bekannt unter dem Namen »Ein-Euro-Job«.

Angela Merkel gefällt das.

Die neue Sehnsucht der deutschen Volksgemeinschaft nach den guten alten Zeiten findet ebenfalls in der modernen Form der nationalsozialistischen Familienpolitik, wonach Frauen an Heim und Herd gehören, sowie unzählige Kinder für die Volksgemeinschaft gebären sollen, wie dem »Müttergeld«, seinen Ausdruck. In Berlin-Mitte ist dieser »Backlash« daran zu erkennen, dass längst als ausgestorben geltende Vornamen auf einmal wieder in Mode kommen. Der dazugehörige Kinderwagen von Oma ist ein »must-have«, weil ohne Plastik, nicht aus Amerika und immer noch gut in Schuss. Gefüttert wird das Balg natürlich mit Lebensmittel ohne Gentechnik. Ein arischer Bub, braucht keine amerikanischen Bohnen. Die Ablehnung des Freihandelsabkommens TTIP bekommt man nicht nur in solchen Kiezen mit der Muttermilch indoktriniert.

Im Fernsehen bedauert die ganzen Nation die Opfer des zweiten Weltkrieges, wozu für sie zweifelsohne beinahe alle Deutschen gehören. Die Tatsache, dass eine rechtsterroristische Vereinigung, ungestört, zehn Jahre lang im Land morden konnte, ist den meisten Mitgliedern dieses erbarmungslosen Rackets dagegen völlig egal. Nationalsozialisten sind bzw. waren immer die Anderen. Grauenvolle Schmonzetten wie »Unsere Väter, unsere Mütter«, in denen „die keuschen, opferbereiten Arier, der Leutnant und die Krankenschwester, die Helden der Geschichte“ (New York Times – Chefkritiker B.O. Scott) sind, erreichen selbstverständlich hohe Einschaltquoten. Quacksalber wie Guido Knopp, gelten nicht nur im wissenschaftlichen Betrieb als ernstzunehmende Historiker. Und der Umstand, dass der ehemalige Wehrmachtssoldat Helmut Schmidt oder das ehemalige SS-Mitglied Günther Grass als große Intellektuelle dieses Landes gelten, erregt ebenso keinen öffentlichen Widerspruch.

Opposition in solchen Zeiten gleicht der Arbeit von Sysiphus. Die Lage ist verzweifelt, beinahe ausweglos. Allein die Erinnerung daran, dass Nazi-Deutschland letztendlich dennoch militärisch besiegt wurde, ist heute noch im deutschen Kollektivbewußtsein eine unvergessene Schmach. In diese Wunde wollen wir etwas Salz streuen. Also raus auf die Straße. Auf nach Torgau! Feiern wir am Elbe-Day, an dem Tag als die sowjetischen und amerikanischen Soldaten das erste Mal aufeinandertrafen, die Besetzung von Deutschland.

Im Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus.
Deutschland in den Rücken fallen!

/////////// Achtet auf weitere Ankündigungen. ///////////

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Zur Demonstration rufen auf:

Antideutsche Aktion Berlin [ADAB]
Antifa Task Force [ATF] Jena
association [belle vie] Hannover
Association Progrés Eichsfeld
BAK Shalom der Linksjugend [’solid]
Contre la tristesse Rostock
Freundeskreis der Dialektik Rostock
Gesellschaftskritische Odyssee Halle
Linksjugend [’solid] Osnabrück

70 Jahre Besetzung Hannovers

besetzung hannovers

Besetzung
Am 10. April jährt sich die Befreiung und Besetzung Hannovers durch die US Army zum 70. Mal. Nachdem 1944 alliierte Truppenverbände in der Normandie gelandet waren, rückten diese in Richtung Deutschland vor und befreiten Stadt für Stadt, Dorf für Dorf vom deutschen Nationalsozialismus. Die Befreiung Hannovers begann am 10. April mit der Befreiung des KZ Ahlems durch amerikanische Soldaten. Von hier aus rückten die Soldaten fast ohne Gegenwehr über die Limmerstraße zum Lindener Marktplatz vor, auf dem sie eine Militärstellung errichteten. Gegen 21 Uhr fiel der letzte deutsche Widerstand an einer Flakstellung in Langenhagen. Hannover war befreit: Die letzte Rettung vor dem Tod für die überlebenden Verfolgten der Nationalsozialisten, aber dennoch kein Leben, welches sie eigentlich verdient hätten. Eine Herausforderung für die Deutschen, die bis vor Kurzem noch begeistert unter dem Hakenkreuz marschierten. Sie mussten sich neu anpassen, um ihre Lebensqualität, den erbeuteten Reichtum und ihre Privilegien zu sichern.

Neue Umstände
Dies stellte ein Problem für sie dar, denn man führte auch in Hannover trotz drohender Niederlage die deutschen Vernichtungswünsche zu Ende. So wurden ca. 600 Insassen des KZ’s Ahlem am 6. April auf einen Todesmarsch geschickt. Währenddessen wurden 154 zumeist sowjetische Zwangsarbeiter hingerichtet und in Massengräbern verscharrt. Der Gauleiter für Hannover und SS-Obersturmführer Hartmann Lauterbacher gab am 4. April 1945 den Durchhaltefehl für Hannover aus, indem er die Bevölkerung sowie die verbliebenen Truppen von Wehrmacht, SS und Volkssturm aufforderte, bis zuletzt Widerstand gegen die amerikanischen Befreier zu leisten. Bereits in den vorigen Jahren zeichnete sich Lauterbacher immer wieder durch Fanatismus und Grausamkeit aus. So ordnete er im Jahre 1941 die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung Hannovers an, nach und nach wurden diejenigen, die sich nicht verstecken oder fliehen konnten, zumeist über die KZ-Sammelstelle Ahlem deportiert. Lauterbacher war nicht der einzige, der dieses Ziel verfolgte. Ohne die engagierte Unterstützung der „Zivilbevölkerung“, der deutschen Volksgemeinschaft, wäre das logistische Unternehmen der Vernichtung nie möglich gewesen. Von den insgesamt etwa 2400 aus Hannover deportierten Menschen überlebten weniger als 100.
Trotzdem fiel es den meisten Deutschen nicht schwer, sich der neuen Herrschaft anzupassen, das zeigen die Bilder der jubelnden Menschenmassen bei Einmarsch der Amerikaner auf der Limmerstraße, sowie die Beschäftigung mit der Vergangenheit in den beiden deutschen Nachfolgestaaten. Sie durchlief verschiedene Stadien.

Verleugnen, Verschweigen, Verdrängen
Im Westen, in der Bundesrepublik, spielte die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus erst einmal keine Rolle. Vernichtungskrieg und Shoah wurden einfach verschwiegen, verdrängt oder verleugnet. NS-Funktionseliten waren sich gesellschaftlicher und beruflicher Integration sicher, so wie auch das Beispiel von Lauterbacher zeigt, der nach dem Krieg eine hohe Stelle beim neugegründeten BND fand. Der Rest der Deutschen fand die Lösung in einer Täter-Opfer-Umkehr, die sich bemühte, sie von Schuld und Verantwortung freizusprechen. Die Täter seien demnach nicht die Mehrzahl der Deutschen gewesen, sondern eine kleine Minderheit von fanatischen Nazis, die Deutschland in den Ruin trieben und den Siegermächten der Zerstörung preisgaben. Doch war es gerade die Mehrheit der deutschen Bevölkerung, auf denen der deutsche Nationalsozialismus und die Barbarei fruchten konnten. Trotz des erreichten Zustands der Zivilisation, aber auf seinen Errungenschaften aufbauend, wurde der Schritt in die Barbarei vollzogen.

Staatlich verodneter Antifaschismus
In der DDR stilisierte sich der neu gegründete Staat als ein Volk von Widerstandskämpfern. Er bot den Tätern die Möglichkeit, sich von der „dunklen“ Vergangenheit zu distanzieren, indem man sich als Opfer derselben darstellte. Die „progressive Linie“ in der deutschen Geschichte, die von der Sozialdemokratie in der Kaiserzeit über die gescheiterte Novemberrevolution und den kommunistischen Widerstand geradewegs in die DDR führe, wurde zur Ausrede für die Parteimitglieder, Wehrmachtsangehörige und SS-Offiziere, die nun in Ostdeutschland ein neues Leben begannen. Statt den Nationalsozialismus aufzuarbeiten und die tragenden Elemente des Regimes wie Antisemitismus, völkischen Wahn und Verwertungslogik zu benennen und zu kritisieren, wurde eine Auseinandersetzung gescheut. So bezieht sich auch die heutige Kritik am Dritten Reich meist lediglich auf Worthülsen. Die Fokussierung auf reine Begrifflichkeiten hat dazu geführt, dass sich der heutige Umgang mit der Vergangenheit meist enervierend, doch keinesfalls inhaltlich wertvoll zeigt.

Gestärkt dank Holocaust
Heute gibt sich Deutschland als geläuterte Republik. Aus dem Gedenken an die im Nationalsozialismus ermordeten Menschen speist sich ein neuer Nationalstolz, nach dessen Logik man trotz Auschwitz wieder stolz auf Deutschland sein könne. Die Bundesrepublik gibt sich als Gedenkweltmeister und nutzt die in ihren Augen so vorbildhafte Aufarbeitung der Verbrechen ihrer Großeltern als Legitimation dafür, der Welt moralisch überlegen Urteile vorzulegen. Die Deutschen seien gestärkt und belehrt aus dem Holocaust hervorgegangen.
Das Mahnmal für die Opfer des Holocaust in Berlin wird laut Altkanzler Gerhard Schröder ein Denkmal, „zu dem man gerne hingeht“, während Eberhard Jäckel konstatiert: „Im Ausland beneidet man uns um dieses Denkmal.“ Heute wissen die Deutschen scheinbar, was man an der industriellen Vernichtung der europäischen Juden habe. Es herrscht kein betretenes Schweigen über die Vergangenheit, sondern hat gelernt, wie man aus dem Gerede hierüber politischen Profit ziehen kann. „Erinnern als höchste Form des Vergessens“ wie es Eike Geisel einmal treffend formulierte. Diese „Erinnerung“ kommt ohne echte Betroffenheit aus, aus der wiederum automatisch authentische Teilnahme an Leid und Bedrohung der lebenden Juden erwachsen müsste, konkreter: eine umfassende Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte kommt nicht ohne Solidarität mit dem Staat Israel aus. Stattdessen verschiebt sich jedoch heute die Schuldprojektion in Richtung des jüdischen Staates oder erneut anderer, kodierter Judenfeindschaften. Antisemitismus findet nicht trotz, sondern wegen Auschwitz statt. Die Konsequenz der postnazistischen Deutschen ist deshalb auch nicht Israel, sondern das „neue“ Deutschland. Das „alte“ Deutschland sei nun geläutert, wisse um seine Schuld und könne deshalb nun auch „wegen Auschwitz“ die Welt verbessern. Am deutschen Wesen soll also auch hier wieder die Welt genesen, ob es um Biosprit, deutsche Arbeitsmoral in Griechenland oder um Frieden für den Nahen Osten geht. Statt dieses Deutschland abgeschafft zu haben, ist es nun wieder wirtschaftliche Großmacht, trotz Shoa und missglückter Entnazifizierung, das versucht seine Ideologie auf andere zu übertragen.
Wir danken den Aliierten für die Befreiung vom deutschen Nationalsozialismus.
Wir feiern diese am Tag der Besetzung Hannovers.
Nie wieder Deutschland!

10. April 2015, 16 Uhr, Limmerstraße Höhe FZH Linden, Ravedemo

Endgame Over

Achtung, neuer Ort: ZOB Hannover

Gegen Antiamerikanismus und völkischen Wahn

Am 14. März ruft die aus dem rechtspopulistischen PEGIDA-Mob hervorgegangene „EnDgAmE“-Bewegung zu einer Demo in Hannover auf. Das Backronym „EnDgAmE“ steht hierbei für „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“; der Inhalt wird schon im Namen deutlich: Wie schon bei den beiden vergangenen Aufmärschen in Erfurt und in Halle wird auch in Hannover ein wahnhafter Antisemitismus propagiert werden, nach dessen Vorstellung eine kleine Minderheit die Welt knechte und unterjoche. Als Aufhänger dient dabei ein rassistische Stereotype anwendender Antiamerikanismus. Es ist somit zu erwarten, dass Wahnwichtel, Nazis, selbsternannte Reichsbürger und an Chemtrails Glaubende am 14. nach Hannover kommen werden. Als Redner ist unter anderem Wojna, bekennender 9/11-Truther und Sänger der Band „Die Bandbreite“ angekündigt, welcher sich nicht zu schade ist, mit bekennenden Nazis in der Öffentlichkeit aufzutreten.

endgame

Auch andere Demonstrationsteilnehmer, die sich „links“ und antifaschistisch wähnen, waren in Erfurt zu beobachten. Doch was dort vermittelt wurde und in Hannover vermittelt werden soll, ist weder Antifaschismus noch Antikapitalismus.
Antiamerikanismus hat in Europa Tradition. Der Hass auf die angeblich kulturlosen USA ist so alt wie die Geschichte des Staates selbst. Schon als sich die ersten Europäer auf den Weg nach Nordamerika begaben, warfen ihnen die Heimgebliebenen Verrat vor. Ähnlich irrational wird Amerika seitdem von europäischer Seite aus dämonisiert, um die eigene Lebensweise moralisch aufzuwerten. Selbst den europäischen Kapitalismus wähnen Viele als „humaner“ als das amerikanische und globale Wirtschaften. Dass der Kapitalismus, ob europäisch oder amerikanisch immer ein bedürfnisfeindliches System ist, wird außer Acht gelassen. Spielend leicht wird die Welt in Gut und Böse sortiert, um sich Problemstellungen zu vereinfachen. Diese Schuldzuweisungen sind jedoch keine Kritik, sondern eine völlig absurde Aversion.
Wo unsachliche Wutbürger auftreten, ist Antisemitismus nicht weit. In ihrem Wahn gehören in das Feindbild der „EnDgAmE“-Fans auch Juden. Das uralte antisemitische Ressentiment, „der Jude“ würde die Welt, die Börsen, die Medien oder gleich alles zusammen regieren, klingt auch bei „EnDgAmE“ und Umgebung an. So wird die Schuld an der Finanzkrise 2009 in erster Linie „den Amis“ vorgeworfen. In zweiter Instanz werden „jüdische Großbanken“ dafür verantwortlich gemacht. Statt einer sachlichen Analyse von Krise, Geld und Kreditsystem, werden negative Begleiterscheinungen des Kapitalismus mit regressiven Schuldzuweisungen erklärt. Erneut wird in Europa Kritik an den herrschende Verhältnissen personalisiert und in emotionaler Art und Weise auf Juden projiziert. Wird diese Projektion wahnhaft zuende gedacht, bedeutet dies für den Antisemiten die Vernichtung aller Juden.
In der Welt der „EnDgAmEr“ gilt es, sich möglichst weitreichend von den „Volksschädlingen“ zu distanzieren, somit wird alles, was als nicht deutsch angesehen wird, abgelehnt, um die eigene Kultur rein zu halten. Nicht umsonst ist die Parole „Wir sind das Volk“ unter den armseligsten Gestalten der deutschen Wutbürger-Kultur wieder so beliebt.
Umso wichtiger ist es, am Samstag eine emanzipatorische Alternative aufzuzeigen und zu beweisen, dass Gesellschaftskritik nicht funktioniert, in dem Schlechtes auf einzelne Objekte projiziert wird, sondern durch eine Kritik der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse.
Der Erfolg gegen HAGIDA in den vergangenen Wochen gibt uns Mut, mit Vielen zu rechnen. Wir hoffen, dass es eine radikale Linke schafft, gegen faschistisches, völkisches Denken vorzugehen, auch wenn der Rassismus sich gegen „die Amerikaner“ und der Antisemitismus sich in falschem Antikapitalismus und Verschwörungsdenken artikuliert.
Kommt also am 14. März nach Hannover und zeigt den Spinnern was ihr von ihnen haltet.
Gegen jegliche Form des Antisemitismus und Antiamerikanismus!
14. März Hannover, 14 Uhr, ZOB
EnDgAmE: An diesem Level werdet ihr scheitern!