Archiv für Januar 2015

Psychoanalyse des Antisemitismus

Mit einem halben Jahr Verspätung ist es uns nun gelungen, den Audiomitschnitt der Veranstaltung mit Sebastian Winter vom 23.07.2014 hochzuladen. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Schall&Wahn-Kampagne statt.

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Deutschland, du bist besonders

Dieser Text erschien in der Bündniszeitung gegen die Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober 2014 in Hannover.

Zur Kritik deutscher Spezifika

In diesem Text soll es um Nationalismus gehen. Aber nicht um irgendeinen Nationalismus, sondern um den deutschen. Denn Nationalismen sind nicht alle gleich. Gemeinsamkeit ist, dass alle Nationalismen sich auf ein vorgestelltes Kollektiv beziehen, das irgendwie zusammengehöre. „Die Menschen gehören zusammen, weil sie nun mal Deutsche sind.“ Allerdings ist diese Gemeinschaft eine Zwangsgemeinschaft, weil ihre Mitglieder bei ihrer Geburt willkürlich dem Staat und der Nation zugeordnet werden. Die Zwänge und Pflichten, die das mit sich bringt und auch der konkrete Nationalstaat sind real. Sie existieren und wirken sich tagtäglich auf die Menschen aus, die das jeweilige Staatsgebiet bewohnen. Was jedoch nicht real ist, ist die Vorstellung der Nationalisten, alle Menschen in der Nation würden das Beste füreinander wollen. Die Nation ist eben keine „große Familie“, sondern der Zwangszusammenschluss der konkurrierenden Einzelpersonen. Das Gebilde der Nation soll über den Umstand der ständigen Konkurrenz hinwegtäuschen. Zur weiterführenden Kritik am Nationalismus sollten die anderen Artikel dieser Zeitung herangezogen werden.
Trotz der genannten Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die verschiedenen nationalistischen Ideologien in ihren Begründungen, Eigenschaften und Folgen. Hier sollen deutsche Besonderheiten – Spezifika – kritisiert werden. Denn zum einen ist der deutsche Nationalismus derjenige, der die Leser_innen dieser Zeitung wahrscheinlich am ehesten betrifft und zum anderen ist damit der Zusammenhang zwischen Judenvernichtung (Shoah) und ihrer Folge, der heutigen Beschaffenheit des deutschen Nationalismus, zu erklären.
Die Geschichte des deutschen Nationalismus beginnt oder endet nicht mit der Shoah, doch sie ist bezeichnend für den Charakter desselben. Als Konsequenz aus dem Nationalsozialismus fand sie während des Zweiten Weltkriegs in den 1940er Jahren statt und erstreckte sich über das gesamte von den Deutschen besetzte Europa. Sie war die massenhafte industrielle Vernichtung von Millionen Juden. Trotz der kurzfristigen ökonomischen Vorteile durch Zwangsarbeit und Enteignung folgte sie letztendlich keiner ökonomischen Rationalität. Die Nachteile des immensen Aufwandes überwogen. Sie war damit ein selbstmörderisches Unternehmen, dessen einziges Ziel die Auslöschung aller Juden und Jüdinnen war. Hinter diesem Ziel standen in erster Linie keine ökonomischen oder machtpolitischen Interessen, sondern das Ideal einer judenfreien Welt. Die wahnhaften Ideologen des Antisemitismus hofften nach der Auslöschung der Juden auf eine bessere und gerechtere Ordnung. Denn die Juden stellen in ihrer Weltanschauung die Schuldigen für alles Übel dar. Der Wunsch nach einer gerechten Welt war für sie der Wunsch nach einem gerechten Rassenkampf, den die Deutschen aufgrund ihrer Überlegenheit gewinnen sollten.
Durch den von Goebbels 1943 ausgerufenen „totalen Krieg“1 zeigte sich die Beteiligung des ganzen deutschen Staatsvolks – mit Ausnahme der wenigen Widerständigen – das auch vorher bereits den Krieg und die Vernichtung mitgetragen hatte, besonders deutlich. Sie waren bewusst beteiligt, ob durch Duldung und Billigung des Zustandes oder durch die Ausführung der Morde.
Dass die Shoah in Deutschland geschah, ist weder dem Zufall noch einer bestimmten biologischen Beschaffenheit der Deutschen zuzuschreiben, sondern ergab sich aus verschiedenen geschichtlichen, polit-ökonomischen und gesellschaftlich besonders deutschen Verhältnissen. Außerdem spielten schlussendlich die persönlichen Entscheidungen der handelnden gleichgeschalteten Einzelpersonen, die in der Volksgemeinschaft aufgingen, eine große Rolle.
Entstehend im 19. Jahrhundert begründete sich der deutsche Nationalismus im Gegensatz zum französischen oder amerikanischen nicht auf die Nation als Kollektiv des „Volkssouveräns“. In dieser Vorstellung gehören die Leute zu einer Nation, weil sie denselben Wohnort haben, gemeinsame Interessen besitzen und sich auf gemeinsame Grundsätze beziehen (wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Aus diesem Grund würden sie sich in einem Staat organisieren, dessen ideologischer Überbau die Nation dann ist. Auch diese Art von Nation ist nicht zu begrüßen, denn es ist genau die Form, die die heutige Herrschaft institutionalisiert hat und die bürgerliche Ordnung herstellt, in der sich die gemeinsamen Werte wie die der Freiheit immer als kapitalistische Freiheit entpuppt. Diese ist eine doppelte Freiheit, in der man zum einen die Freiheit als Rechtsperson besitzt, aber auch die Freiheit von allen Mitteln der Produktion oder von allen Lebensmitteln.
Doch der deutsche Nationalismus begründete sich eben nicht auf dem „Volkssouverän“, sondern auf die völkische Definition der Nation. Wer „deutsch“ ist, hat deutsches Blut und deutsche Vorfahren. Diese Blut- und Boden-Ideologie ist deshalb besonders brutal, da die Teilnahme an der Nation zum naturgemäßen Zwang wird. Eine Flucht aus der Gemeinschaft oder eine Aufnahme in diese wird deutlich schwerer bis unmöglich.
Die deutsche Nationalstaatsbildung erfolgte auch nicht durch einen bürgerlichen Umsturz der feudalen Verhältnisse, der Grundlage der kapitalistischen Moderne, sondern war eine obrigkeitsgesteuerte Legitimation eines deutschen Großreichs unter preußischer Führung im weiterhin monarchischen System. Die Zusammenfassung der vormaligen starken Einzelinteressen der Kleinstaaten in ein nationales gelang nur durch die besonders aggressive Feindbildkonstruktion gegenüber einem Feind, der nach 1800 aufgrund historischer und geographischer Zusammenhänge Frankreich hieß. Im Laufe der Geschichte wird und wurde dieser Feind umgedeutet und wahlweise vor 1800 Rom zugeschrieben oder mit Beginn des 20. Jahrhunderts allmählich der USA.
Die obrigkeitsgesteuerte nationale Zusammenkunft der Einzelnen führte zu einem deutschen Sonderweg in der Entwicklung in die Moderne. Dabei wurden die als deutsch identifizierten Bewohner innerhalb der deutschen Grenzen zwar zu Bürgern, aber nur auf der wirtschaftlichen Ebene. Politisch waren sie immer noch Untertanen des Kaisers bzw. abhängig von ihrem Landesherren. Neben der stetigen wirtschaftlichen Fortentwicklung blieb der politische Modernisierungsprozess auf der Strecke.
Zu den deutschen Tugenden des Kaiserreichs gehörte neben Pünktlichkeit und Ordentlichkeit auch das besondere Verhältnis zur Arbeit. Sie wurde quasi zum Selbstzweck und zur Lebensaufgabe. Diese Arbeitsmoral ist aber nur die Ideologie, die von den tatsächlichen Vorgängen ablenkt. Der materielle Kern der Lohnarbeit ist derselbe wie in anderen Staaten auch. Nur wer arbeitet, ist nach diesem Denken moralisch in Ordnung. Wer dies nicht tut, verrät die Gemeinschaft und wird ausgeschlossen. Somit geht der Arbeitsbegriff über den wirtschaftlichen Aspekt der Schaffung von Mehrwert hinaus und erhält einen moralisch-autoritären Ausdruck.
In der komplexer und schneller werdenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung, was sich in zahlreichen Umbrüchen in den Familien-, Arbeits- und Herrschaftsstrukturen zeigte, wurde der Jude zur Projektionsfläche für die abstrakten Vorgänge des Kapitalismus, wie beispielsweise der Finanzwelt. So wurden den Juden ein raffendes Verhalten im Gegensatz zur schaffenden Arbeit der deutschen Industrie unterstellt. Diese Interpretation ist schlichtweg falsch, da sie die Zusammenhänge von Real- und Finanzwirtschaft übersieht – die so nicht zu trennen sind – und dadurch die Komplexität der wirtschaftlichen Zusammenhänge im Kapitalismus stark vereinfacht und verfälscht. Denn beide Sektoren haben das Ziel besonders viel Profit zu machen. Weder die Herstellung von Zahnbürsten oder das Bereitstellen von Bankkonten, noch das Bauen von Wohnhäusern haben das Ziel irgendwelchen Menschen zu helfen und ihre Bedürfnisse zu stillen, sondern werden vollbracht um damit Geld zu verdienen.
Trennung und Zuschreibung stehen in der Tradition des religiösen Antijudaismus, fanden aber in der modern verwalteten kapitalistischen Welt erst ihre volle Entfaltung, nach der Losung: „Der Deutsche schafft, der Jude zerstört.“
So wird auch die Lösung aller Probleme nicht in der Überwindung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit gesehen, sondern in der Vernichtung der Juden und Jüdinnen sowie der gleichzeitigen Bildung einer deutschen Volksgemeinschaft, in der dieser Gegensatz durch einen Frieden zwischen Arbeitenden und Besitzenden scheinbar gelöst wird. Die Volksgemeinschaft lässt sich weiter als totale Unterwerfung des Individuums und seiner Eigeninteressen unter die des Kollektivs fassen. Die Gesellschaft soll nicht funktionieren, um den freien Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern der Einzelne soll seine Möglichkeiten in die Interessen der Gemeinschaft stellen und somit ausschließlich für die Volksgemeinschaft existieren.
Die Konsequenz aus diesem Vorlauf ist die bereits oben geschilderte Shoah. Nur durch das alliierte Eingreifen konnte dem Morden ein Ende bereitet werden. Bis zum letzten Moment des Krieges versuchten die Deutschen, möglichst viele Juden umzubringen.
Der Antisemitismus war nach dem Ende des Krieges nicht einfach verschwunden, aber ein Tabu. Deswegen musste er sich wandeln. Offener, unverschlüsselter Antisemitismus war in der Mehrheitsgesellschaft nicht mehr tragbar. Wie im restlichen Europa zeigte er sich dann z.B. in Antizionismus oder Verschwörungstheorien, die als letzte Konsequenz Juden als Schuldige für die Weltmisere ausmachen. So ist der Antizionismus die geografische Ausformung des Antisemitismus, in der der Zionist2 die Rolle des Juden im Antisemitismus übernimmt.
Speziell in Deutschland ist jedoch der Umgang mit der Shoah. Einerseits kehrt sich der sekundäre Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz gegen die Juden. Das heißt: Die Deutschen verzeihen es den Juden nicht, dass sie sich von umbringen ließen und die Deutschen dafür die Schuld auf sich nehmen müssen. Das zeigt sich in Aussprüchen wie „die Juden instrumentalisieren den Holocaust für ihre Zwecke und verdienen damit auch noch Geld“ oder „Was die Juden in Palästina machen, ist genau so schlimm, wie das, was ihnen vor 70 Jahren passiert ist.“
Auf der anderen Seite wird die „Vergangenheitsbewältigung“, das Überwinden des „dunklen Kapitel in der deutschen Geschichte“ zum neuen nationalen Gründungsmythos, sozusagen als Lehrstück, aus dem das deutsche Volk gestärkt hervorgeht. Aus dem Nationalsozialismus wird also nicht abgeleitet, was die Gründe für denselben sind, sondern wie sich die Deutschen daran selbst optimieren können.
Diese „Vergangenheitsbewältigung“ wird weiter zur Berechtigung einer aggressiven verbalen, aber auch praktischen Außenpolitik: Deutschland müsse wegen seiner geschichtlichen Vergangenheit Israel auf die Finger hauen, den Balkan bombardieren oder mehr Verantwortung in der Weltpolitik übernehmen.
Durch den deutschen Nationalismus ziehen sich also Kontinuitäten:
Da wäre zum Einen das deutsche Staatsbürgerrecht, dass nur die Kinder dem deutschen Staat zuordnet, die auch deutsche Eltern haben, unabhängig davon, wie lange diese schon in Deutschland leben. Zum Andern zeigt sich die Kontinuität im deutschen Arbeitsverständnis, in dem Arbeit noch immer eine moralische Pflicht ist. Dieses spiegelt sich z.B. darin wider, dass Arbeitslose trotz Aussichtslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt für 1 Euro die Stunde sinnlose Tätigkeiten verrichten, weil sie damit nach der deutschen Logik nicht dem moralischen Verfall preisgegeben werden. Und letztendlich ist das momentan deutsche ideologische Gerüst auch nicht auf einen Ort festgelegt, wie dem, der sich zurzeit Deutschland nennt, sondern kann sich überall ausbreiten.

  1. Der „totale Krieg“ bezeichnet die Einbindung der gesamten deutschen Zivilbevölkerung in die Kriegshandlung des 2. Weltkriegs. Unter großem Beifall wurde dieser durch Reichspropagandaminister Goebbels im Sportpalast ausgerufen. [zurück]
  2. Der Zionimus enstand als Reaktion auf den europäischen Antisemitismus und ist die Bewegung einen jüdischen Staat im nahen Osten zu gründen, der als Schutzraum für Juden und Jüdinnen fungiert. [zurück]