Archiv für April 2014

Burn, Holger

Ein anlässlich des Holger Burner-Auftritts überarbeiteter Text der Kritischen Initiative Schaumburg

Hol­ger Bur­ner’s not my homie!

Samstag (05.04.2014) soll der Hamburger Rapper Holger Burner, eigentlich David Schultz, in der Sturmglocke, einem linken Freiraum, und vorher auf der dritten Demo gegen den Thor Steinar-Laden, mitorganisiert von der SDAJ Hannover, auftreten.
Seine Musik, die er selbst als „Klas­sen­kampf-​Rap“ be­schreibt, ver­fehlt das Ziel einer eman­zi­pa­to­ri­schen Kri­tik des Ka­pi­ta­lis­mus’ je­doch bei wei­tem. An­statt die­sen in sei­nem ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis zu be­grei­fen, schürt er pri­mi­ti­ven Hass gegen „die da oben“, wie z.B. Kon­zern-​Chefs oder Georg W. Bush.1 Mit der Pro­jek­ti­on aller Ver­ant­wor­tung für die Übel, wel­che die ka­pi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­ord­nung aus struk­tu­rel­len Grün­den immer her­vor­bringt, auf Ma­na­ger_in­nen und Po­li­ti­ker_in­nen, ver­kennt er eine der wich­tigs­ten Grund­la­gen des ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­tens. Näm­lich dass sämt­li­che sich in die­ser Ord­nung be­find­li­chen Sub­jek­te ihren Teil zu ihrem Funk­tio­nie­ren bei­tra­gen. Mit dem Kampf­be­griff „Ka­pi­ta­lis­ten“, wird nun gegen re­el­le Per­so­nen ge­hetzt, an­statt die Wirt­schafts­ord­nung zu kri­ti­sie­ren, die diese zu ihren je­wei­li­gen Ent­schei­dun­gen zwingt.2 Sei­nem Ver­lan­gen nach der Er­mor­dung von ver­meint­li­chen „Len­kern“ des Ka­pi­ta­lis­mus’ ver­leiht er Aus­druck in dem fol­gen­den Satz: „Ich will Uzis ver­tei­len von Ham­burg bis Mün­chen – Mit dem Auf­ruf die Chefs aller Ban­ken zu lyn­chen“.3 Auch in dem Lied „Renn Yup­pie, Renn“ ruft Hol­ger Bur­ner un­ver­hoh­len zur Men­schen­jagd auf.

Auch ver­schwö­rungs­theo­re­tisch hat Hol­ger Bur­ner „ei­ni­ges drauf“: Einer „klei­nen Min­der­heit“4 wirft er vor, dass sie vom Dro­gen­kon­sum der „Un­ter­schicht“, dem Ta­bak-​ und Al­ko­hol­ver­kauf pro­fi­tiert. Zudem spricht er bspw. im Song „Unser Stan­dard“ von „euren Me­di­en“, hal­lu­zi­niert also eine Macht, die die Pres­se fremd­be­stimmt lenkt. Aus fort­schritt­li­cher Sicht be­son­ders ge­fähr­lich ist diese Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik, die den Namen ei­gent­lich nicht ver­dient hat, wegen ihrer „An­schluss­fä­hig­keit an an­ti­se­mi­ti­sche Bil­der und Ste­reo­ty­pe […], wie bei­spiels­wei­se das des raf­fen­den jü­di­schen Ka­pi­tals.“, wie das al­ter­na­ti­ve bran­den­bur­ger Por­tal „In­fo­ri­ot“ tref­fend fest­stellt.5

All dies soll­te ei­gent­lich schon genug sein, um Hol­ger Bur­ner als fort­schritt­li­chen Mu­si­ker ab­zu­leh­nen. Doch die durch an­ti­se­mi­ti­sche Ste­reo­ty­pe6 be­ein­fluss­ten Aus­sa­gen des Rap­pers, der der trotz­kis­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on SAV na­he­steht,7 gehen auch hier noch einen Schritt wei­ter. „Ich bin gegen jeden Na­tio­na­lis­mus und vor allem gegen den Zio­nis­mus“, po­saun­te Hol­ger Bur­ner bei einem Auf­tritt auf einem An­ti-​G8-​Camp der Ber­li­ner „Fal­ken“ 2007 her­aus. Die An­sa­ge wi­der­spricht einem eman­zi­pa­to­ri­schen Stand­punkt, da der Zio­nis­mus, der durch die Grün­dung Is­raels in die Tat um­ge­setzt wurde, als Schutz­raum für von An­ti­se­mi­tis­mus ver­folg­te Men­schen nun ein­mal un­ab­ding­bar ist, ent­puppt sich Bur­ners Aus­sa­ge als ver­hee­rend.8 Nach die­sem State­ment dis­tan­zier­ten sich die Ver­ant­wort­li­chen von Hol­ger Bur­ner und ent­schul­di­gen sich für des­sen „an­ti­se­mi­ti­sche und an­ti­zio­nis­ti­sche“ Aus­sa­gen.9

Auf­fäl­li­ger­wei­se macht Hol­ger Bur­ner auch aus sei­ner Sym­pa­thie für den „links­na­tio­na­lis­ti­schen“ ve­ne­zue­la­ni­schen Prä­si­den­ten Hugo Chávez kei­nen Hehl. Dass sich die­ser auch öf­fent­lich an­ti­se­mi­tisch äu­ßert, ist spä­tes­tens seit sei­ner Weih­nachts­an­spra­che 2005 be­kannt.10 In dem Song „Des­halb“, den Bur­ner zu­sam­men mit „Al­bi­no“ auf­ge­nom­men hatte, be­zeich­net Bur­ner Chávez als sei­nen „amigo“. Trotz sei­ner vor­geb­lich so an­ti­na­tio­na­len Ein­stel­lung, fühlt sich Bur­ner of­fen­sicht­lich dem Na­tio­nal­staat Ve­ne­zue­la ver­bun­den 12und so­li­da­ri­siert sich mit der na­tio­na­lis­ti­schen Re­gie­rung – wie sich in zahl­rei­chen Äu­ße­run­gen zeigt.11

Einen wei­te­ren Feind neben den „Rei­chen“ und sämt­li­chen Po­li­ti­ker_in­nen hat der selbst­er­nann­te „Mas­ter of Ce­re­mo­nies“ in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ge­fun­den. Er un­ter­stellt den USA, dass sie in Süd­ame­ri­ka Prä­si­den­ten „nur als Mario­net­ten“ ein­set­zen und „im In­ter­es­se der US“-​Ge­set­ze ver­letzt und ver­än­dert wür­den. Auch in dem Zu­sam­men­hang wird als Dif­fa­mie­rung das Wort „Bon­zen“ be­nutzt.

Hol­ger Bur­ner ver­harm­lost au­ßer­dem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ver­bre­chen: „Hin­ter dem Fa­schis­mus steht das Ka­pi­tal – der Kampf um Be­frei­ung ist in­ter­na­tio­nal“, heißt es in „An­ti­fa­his­to­ry“. In eben­die­sem Lied stellt Bur­ner die NATO und die Na­tio­nal­so­zia­lis­t_in­nen auf eine Stufe: „Da­mals die nazis, heute schmeisst die Bom­ben die NATO“. In „Si se puede“ ver­gleicht der Rap­per die BRD mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus: „Kurze Zeit spä­ter and­res Land, kaum andre Zeit – in­zwi­schen gibt’s in Deutsch­land wie­der Zwangs­ar­beit.“

Vom Ka­pi­ta­lis­mus hat Hol­ger Bur­ner gar nichts ver­stan­den, was er in na­he­zu jeder Stro­phe be­weist. Er sieht sich als Spre­cher der „da unten“, die doch end­lich an­fan­gen müs­sen, denen „da oben“ zu zei­gen, dass sie sich nicht um­her­schub­sen las­sen. Diese rück­schritt­li­che Ka­pi­ta­lis­mus­schel­te in Ver­bin­dung mit sei­nen fort­schritts­feind­li­chen An­sa­gen lässt eine ge­fähr­li­che Mi­schung ent­ste­hen. Hol­ger Bur­ner hat sich durch diese Mi­schung in der links­deut­schen Sub­kul­tur ver­dient ge­macht und kann sich mit Grup­pen wie „Die Band­brei­te“ aus Du­is­burg in eine Reihe stel­len.

In die­sem Sinne:
Wert­kri­tik statt Re­bell­chi­que!

  1. vgl. „Des­halb“ und „Ame­ri­ca del Sur“ von Hol­ger Bur­ner [zurück]
  2. Diese Ent­schei­dun­gen sind selbst­ver­ständ­lich nicht durch­weg „po­si­tiv“ und haben teil­wei­se ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf Ein­zel­ne, die Un­ter­neh­men oder na­tio­na­le Kol­lek­ti­ve; die Ent­schei­dun­gen und damit die Aus­wir­kun­gen fol­gen schlicht­weg den Ge­set­zen des Mark­tes. [zurück]
  3. Im Song „Ket­ten zer­rei­ßen“ [zurück]
  4. „All das ist im In­ter­es­se einer klei­nen Min­der­heit“, in: „Auf­wa­chen“ [zurück]
  5. In­fo­ri­ot: Hol­ger Bur­ner: „die Chefs aller Ban­ken lyn­chen“; http://​www.​inforiot.​de/​artikel/​holger-burner-chefs-aller-banken-lynchen [zurück]
  6. Hol­ger Bur­ners an­ti­se­mi­ti­sche Ste­reo­ty­pe sind dabei kein ras­sis­tisch-​bio­lo­gis­ti­schen, wie die der Nazis, son­dern la­tent-​se­kun­där. Siehe auch Fuß­no­te 8. [zurück]
  7. Siehe Fuß­no­te 5 [zurück]
  8. Die his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit der Exis­tenz Is­raels, wel­che sich aus der Shoah ab­lei­tet, steht nicht zur Dis­kus­si­on. Eine So­li­da­ri­tät mit Is­ra­el ist daher aus eman­zi­pa­to­ri­scher Sicht un­um­gäng­lich. [zurück]
  9. Riot­pro­pa­gan­da (Blog); http://​riotpropa.​blogsport.​de/​2008/​04/​15/​1mai-reloaded/​ [zurück]
  10. Chávez sagte dort: „Die Welt ge­hört jedem Ein­zel­nen, aber es scheint so, als ob Min­der­hei­ten – die Nach­kom­men derer, die Chris­tus ans Kreuz ge­schla­gen haben – sich den gan­zen Wohl­stand der Welt ge­nom­men haben.“ Dass die Juden Jesus ge­kreu­zigt haben sol­len, ist ein altes an­ti­jü­di­sches Res­sen­ti­ment; http://​www.​taz.​de/​index.​php?​id=archivseite&​dig=2006/​01/​11/​a0091 [zurück]
  11. Siehe dazu z.B. Fuß­no­te 1 [zurück]
  12. Im Song „Ame­ri­ca del Sur“ heißt es:„Ak­ti­vis­ten wer’n ge­hetzt im In­ter­es­se der US / Es wer­den Ge­set­ze ge­än­dert, ver­ges­sen und ver­letzt / Prä­si­den­ten wur­den nur als Mario­net­ten ein­ge­setzt […] Ve­ne­zue­la Ver­staat­licht, Um­sturz­plä­ne aus den Staa­ten / Doch ihre Putsch­ver­su­che wer­den nie­der­ge­schla­gen / Wenn sie wie­der was ver­su­chen, dann steht das ganze Land / und ge­ball­ter Klas­sen­kampf macht den fuck­ing Ban­ken Angst“; vgl. http://hol­ger-​bur­ner.​de/​lyrics/​america_​del_​sur.​html [zurück]