Offener Brief an die Faust

Liebe Faust!
„Ich bin glühender Verschwörungstheoretiker“ und „Auch mit der Hamas muss man sich solidarisieren können“1 – das sind Zitate des Musikers und Linksparteipolitikers Diether Dehm. Mit ihm und unter dem Titel eines „CD-Projektes“ von ihm führt Ihr am 14. September eine Veranstaltung mit dem Namen „Liebeslieder gegen Bankenmacht“ durch.
Aufkleber zur Veranstaltung \"Liebeslieder gegen Bankenmacht\"
Dehm spielt dabei eine zentrale Rolle. Als Verfasser von Songs wie „1000 und 1 Nacht (Zoom)“ oder „Was wollen wir trinken?“ ist der ehemalige Stasimitarbeiter mit dem breiten Grinsen erstmal eins: Ein nervender Zeitgenosse. Diether Dehm verbindet zudem eine enge politische wie persönliche Beziehung mit den Mitgliedern der Musikgruppe „bandbreite“, welche schon oft durch ihre verschwörungstheoretischen, antisemitischen, antiamerikanistischen sowie sexistischen Texten auffielen. Er bezahlte beispielsweise bei einem Konzert den Sicherheitsdienst aus eigener Tasche, um das Konzert vor kritischen Kräften zu schützen. Ein anderer prägnanter Künstler ist Heinz Rudolf Kunze, der sich selbst als „guten Freund“ Christian Wulffs bezeichnete.
Gemeinsam werben sie für ein Konzert, das zusammen mit Postern der „Linken“ geklebt wurde. Somit ist das Ganze zunächst einmal eine schlecht kaschierte Wahlkampfveranstaltung der Linkspartei. Es ist schade, dass die Faust ihren Unabhängigkeitsanspruch damit aufgibt. Außerdem gibt sich die Faust damit für eine Linke her, welche mit populistischer Rhetorik Wahlkampf macht und sich nicht scheut, manifeste Antisemiten in der Partei zu haben.
Inhaltlich fängt das Kritikwürdige schon bei dem Titel an. Mit „Liebeslieder gegen Bankenmacht“ wird ein Übermachts- und Beherrschungsszenario des Finanzsektors konstruiert, das es so nicht gibt. Die einseitige Konzentration auf Banken blendet aus, dass Banken genauso wie andere Firmen nach marktwirtschaftlichen Prinzipien (sprich: Profitstreben) agieren und der Staat als bürgerliches Steuerungsorgan der reibungslosen Kapitalakkumulation ein großes Interesse an den Banken hat, da sie neues Investitions- und damit auch Renditepotential bieten, wenn in der sogenannten Realwirtschaft dieses Potential ausgereizt ist. Zudem stellt der Staat den Banken das Material ihrer Betätigung erst: das nationale Geld. Somit ist nicht nur die Abhängigkeit beiderseits gegeben, sondern die Banken sind grundsätzlich von der marktwirtschaftlichen Verfasstheit, also letztendlich vom Staat abhängig.
Somit ist diese Art der Kapitalismuskritik nicht nur verkürzt, sondern ganz klar falsch. Der kapitalistische Gesamtzusammenhang mit seinen Institutionen und Akteuren muss kritisiert werden, allerdings darf die abstrakte Kritik nicht personifizierend auf einzelne Personen abgewälzt werden.
Zusätzlich erinnert der Versuch der Trennung von „Real- und Finanzwirtschaft“ stark an die nationalsozialistische deutsche Ideologie vom „raffenden und schaffenden“ Kapital.
Diese Rhetorik setzt sich auch bei Diether Dehm fort: Die Deutsche Bank sei ein „Krebsgeschwür für unsere Volkswirtschaft“2. Auf abgeordnetenwatch.de bezeichnet Dehm „jene Kriminellen (z.B. Deutsche Bank)“3 als mitverantwortlich für Auschwitz und Weltkrieg . Gerade Termini wie die des „Krebsgeschwürs“ werden von Antisemiten wie Mahmud Ahmadinedschad gerne verwendet – ein Beleg für die strukturelle Nähe dieser falschen Kapitalismuskritik zum Antisemitismus.
Die komplette Veranstaltung ist eine Manifestation dieser falschen Kapitalismuskritik, die nicht nur falsch, sondern auch sehr gefährlich ist. Ideologisch passt zwischen diesen Ideologien und der Nazis nur ein Blatt. Sie ist nämlich weder links, noch fortschrittlich. Scheinbar trifft das alles aber auch nicht nur auf Dehm, sondern auch auf seine Mitmusikanten zu, da der Titel laut Beschreibung die „Gemeinsamkeit der Künstler“4 verdeutlicht.
Da wir die Faust im Grunde immer noch, trotz seiner Kommerzialisierung, als emanzipatorischen Freiraum verstehen, finden wir es schade, dass eine derartige Veranstaltung bei euch stattfinden kann. Gerade wenn ihr noch einen Tag davor gegen Rassismus einstehen werdet, solltet ihr keine hetzerischen („links“-) populistischen Konzerte zulassen. Wir fordern euch auf, das Konzert abzusagen oder euch zumindest von den Umtrieben Diether Dehms zu distanzieren bzw. diese kritisch zu reflektieren.
Gegen Antisemitismus, Verschwörungstheorien, Antiamerikanismus und falsche Kapitalismuskritik!
Mit solidarischen Grüßen,
association [belle vie] hannover, 07. September 2013.

  1. http://www.youtube.com/watch?v=ikf-h6ThyKU, 08.09.2013, 14:28 [zurück]
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Diether_Dehm, 08.09.2013, 14:38 [zurück]
  3. http://www.abgeordnetenwatch.de/dr_diether_dehm-575-37530-f369907.html#q369907, 08.09.2013, 14:32 [zurück]
  4. http://www.kulturzentrum-faust.de/index.php?article_id=3896&clang=0, 08.09.2013, 14:34 [zurück]

1 Antwort auf „Offener Brief an die Faust“


  1. 1 Jule Bambule 11. September 2013 um 18:38 Uhr

    „Zusätzlich erinnert der Versuch der Trennung von „Real- und Finanzwirtschaft“ stark an die nationalsozialistische deutsche Ideologie vom „raffenden und schaffenden“ Kapital.“

    Nein, es ist schlichtweg Teil der Wirtschaftswissenschaften

    http://www.fiwi.tu-bs.de/startseite.html
    http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Reden/2013/2013_06_20_dombret.html

    So ziemlich alle Parteien nutzen diese Termini.

    „Es ist schade, dass die Faust ihren Unabhängigkeitsanspruch damit aufgibt.“

    Welchen sie nie gehabt hat, sonst hätten nicht andere Parteien wie die Grünen oder die SPD dort ebenfalls Partei- und Wahlkampfveranstaltungen durchgeführt.
    Wie bspw. am 22.05.2013 mit Edelgard Bulmahn (SPD). Aber da habt Ihr ja sicherlich auch einen Brandbrief an die Faut veröffentlicht, nicht wahr? ;-)

    Und natürlich hat die Deutsche Bank nicht den Antisemitismus zu verantworten, aber zu ihrer Rolle bei Auschwitz

    http://www.zeit.de/1999/07/199907.pohl_.xml

    Und warum verteilt Ihr nicht Flugblätter vor der Faust und geht mit den Menschen ins Gespräch, klärt sie auf über Eure Ansichten? Erscheint es Euch wirklich „emanzipativ“ wenn man Musikern Auftrittsverbote ausspricht, weil einem deren Meinungen nicht passen? Fordert Ihr auch sowas gegen Bushido oder andere Musiker?

    Vielleicht geht Ihr ja auf die Kritikpunkte mit Eurem „kritischen Blick“ ein. Vielleicht sogar öffentlich, hier auf der Seite ;-)

    viele Grüße
    Die Jule

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